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7/8_2020

Differenzierung im Kampf gegen invasive Neophyten

Grosse Rat des Kantons Bern hat eine Motion überwiesen, welche den Regierungsrat beauftragt, eine Rechtsgrundlage zur wirksamen Bekämpfung von Neophyten zu erarbeiten. Die BSLA Regionalgruppe Bern-Solothurn begrüsst diesen Vorstoss, vertritt aber auch die Interessen der Gartenkultur und fordert eine differenzierte Betrachtung.

 Schreiben der BSLA Regionalgruppe Bern-Solothurn an den Regierungsrat des Kantons Bern vom 19. Juni 2020:

Neophyten und die daraus gezüchteten Kulturpflanzen bilden seit Jahrhunderten einen unverzichtbaren Bestandteil unserer Gartenkultur. Die Differenzierung zwischen dem generellen Begriff der «Neophyten», also Pflanzen, die bereits nach 1492 in Europa eingeführt wurden und dem Phänomen der «invasiven Neophyten» ist zentral. Neophyten sind Teil unserer Kultur und unserer Flora und es gibt weder Gründe noch rechtliche Grundlagen auf nationaler Ebene, grundsätzlich den Verkauf, die Anpflanzung und den Anbau von Neophyten zu verbieten. Denn längst nicht alle Neophyten sind invasiv. Die Schweizer Flora zählt heute ungefähr 500 bis 600 Neophyten, davon werden lediglich 58 – also rund 10 Prozent - zu den invasiven oder potenziell invasiven Neophyten gezählt. Die Schwarze Liste von Info Flora umfasst 41 Arten, die Liste der verbotenen invasiven gebietsfremden Pflanzen im Anhang 2 der Verordnung über den Umgang mit Organismen in der Umwelt (Freisetzungsverordnung, FrSV) des Bundes vom 10. September 2008 umfasst gerade mal 11 Pflanzenarten.

Im Kanton Bern gibt es ein äusserst grosses, reichhaltiges und Jahrhunderte altes Gartenerbe. Von den 30'000 Objekten die in der "Liste historischer Gärten und Anlagen der Schweiz" von ICOMOS (Internationaler Rat der Denkmalpflege) erfasst sind, befinden sich rund 6'150 im Kanton Bern. Es handelt sich dabei um denkmalverdächtige Gärten und Anlagen, die gemäss dem Natur- und Heimatschutzgesetz als bedeutende Zeugen unserer Kultur zu erhalten und zu pflegen sind. Eine zentrale Rolle spielen dabei vor allem auch die Pflanzen, deren zeittypische Verwendung über Jahrhunderte die Gestaltung und Atmosphäre von Gartenanlagen mitbestimmt. Dazu gehören auch verschiedene Neophyten.

Ein generelles Verbot von Neophyten wäre unbegründet und absolut unverhältnismässig. Es käme einer Absage an eine mehrhundertjährigen Gartenkultur gleich. Alle Einschränkungen der Verwendung von Neophyten müssen sich auf Invasive Neophyten, sprich Neophyten, die sich stark und rasch ausbreiten und dadurch Schäden verursachen, beschränken.

Auch bestünde die Gefahr, dass verschiedene gartenhistorisch wertvolle Anlagen nicht mehr im ursprünglichen Sinn instandgesetzt und gepflegt werden könnten. Dies hätte für die betroffen Objekte einen markanten Wertverlust zur Folge und würde damit wohl auch Art. 9 und 10 des kantonalen Baugesetzes widersprechen. Aus fachlicher Sicht sollten für die Bepflanzung situationsgerechte Lösungen möglich sein, die in besonderen Einzelfällen wie z.B. in der Gartendenkmalpflege und mit den entsprechenden Pflegeauflagen sogar invasive Arten gem. Freilassungsverordnung zulassen.

In Anbetracht der Klimaerwärmung und den sich ändernden klimatischen Ansprüche an Gehölze im Stadt- und Siedlungsbereich, würde ein komplettes Verbot von Neophyten langfristig dazu führen, dass zum Beispiel keine Standort- und Situationsgerechte Strassenbäume mehr gepflanzt werden könnten.

Der BSLA bittet den Regierungsrat, bei der Ausarbeitung einer kantonalen Rechtsgrundlage für die "wirksame Bekämpfung von Neophyten und unerwünschten Pflanzen"
a) zu differenzieren und Einschränkungen auf Pflanzenarten, die sich stark und rasch ausbreiten und dadurch Schäden verursachen zu beschränken, dies unabhängig von davon, ob es sich um vor 1492 eingeführte Arten handelt, oder solche, die bereits vorher im Kanton Bern heimisch waren.
b) eine griffige Ausnahmeregelung zugunsten wertvoller historischer Gärten und Anlagen vorzusehen.

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