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6_2020

Brücke als Balkon

Brücke als Balkon

Beim Wettbewerb für neue Schutzmassnahmen und Brücken in Bondo haben Landschaftsarchitektinnen und Ingenieure auf Augenhöhe zusammengearbeitet. Das Siegerprojekt sorgt für Diskussionen. 

Stéphanie Hegelbach in hochparterre.ch 11.05.2020 (Auszug)

Am 23. August 2017 lösten sich drei Millionen Kubikmeter Stein vom Piz Cengalo und stürzten begleitet von einem Schuttstrom und Murgängen ins Tal. Das bestehende Auffangbecken konnte die Menge an Material nicht fassen, und es kam zu einer grossflächigen Zerstörung. Die Schlammlawine überdeckte die Mairabrücke Spizarun und verschüttete die Bondascabrücke der Kantonsstrasse. Die Brücke Punt, die die beiden Dörfer Promontogno und Bondo verband, musste abgerissen werden, da zu befürchten war, dass sich dort weitere Schlammmassen anstauen könnten. Häuser wurden zerstört oder mussten nachträglich abgerissen werden.

Wettbewerb statt Direktvergabe

Kantonale Fachstellen und Experten beurteilten nach dem Ereignis die Gefahren neu und erarbeiteten eine Vorstudie für neue Schutzmassnahmen. Die Studie nahm jedoch wenig Rücksicht auf das laut Bundesinventar schützenswerte Ortsbild. Deshalb setzten sich die Bergeller Gemeindepräsidentin Anna Giacometti und die Denkmalpflege Graubünden für einen Projektwettbewerb ein. Nach langen Diskussionen setzte sich die Idee eines Konkurrenzverfahrens durch, das die Fragestellung gesamtheitlich angehen sollte. Die einzelnen Bauaufgaben definierten die Zusammenstellung des Teams: Für die Sicherheit vor Hochwasser und Murgängen brauchte es eine Wasserbauerin, die neuen Verkehrsanlagen fragten nach einem Brückeningenieur und einem Strassenbauer. Da die Schutzbauten an den Siedlungsraum stossen, brauchte es auch eine Architektin oder einen Städtebauer und für die Einbettung in die wertvolle Kulturlandschaft eine Landschaftsarchitektin. Rainer Zulauf, Juror und Landschaftsarchitekt, sieht den langwierigen Prozess bis hin zum Wettbewerb positiv: «Das Gute an der Geschichte ist, dass wir ein hochgradig erfreuliches Ergebnis erhalten haben, das mehr ist, als die Summe der Beiträge der einzelnen Disziplinen. Dieser Wettbewerb zeigt, dass wir Landschaft nicht in Einzelteilen und als Nebeneinander von verschiedenen Bedürfnissen denken sollten, sondern als deren Überlagerung.»

Aus der Infrastruktur einen Mehrwert generieren – das war das Leitmotiv des Siegerteams. «Die Bewohner von Bondo sollen durch die Neugestaltung etwas bekommen. Sei es einen neuen Kastanienhain, Gärten und Terrassen oder eben Plätze und Brücken», erklärt die Landschaftsarchitektin Rita Illien. Zusammen mit Martina Voser von Mavo Landschaften widmete sie sich unter anderem der Gestaltung der Dämme. Die beiden schlugen vor, über den Schutzwall zum Dorf Bondo eine Promenade als neue Wegverbindung zu legen – ein Belvedere, das wieder eine Sichtverbindung zu Promontogno schafft. Der Promontorio – italienisch für Kuppe – ist ein markanter Ort im Tal, den die beiden Landschaftsarchitektinnen mit den geplanten Dämmen nicht über- oder gegenzeichnen wollen. Der Damm bei Promontogno orientiert sich deshalb an den Grössenverhältnissen der Bergflanke und fügt sich in den natürlichen Geländeverlauf ein. Jener auf der Seite von Bondo passt sich in die Grössenverhältnisse des Dorfes ein. Daher plant das Team zur Siedlung hin eine Terrassenkulturlandschaft gestützt von Steinmauern – eine im Bergell verbreitete Typologie. Ob die Terrassen als Gärten benutzt werden können, ob dort Wiesen, Kastanien- oder Nussbäume wachsen werden, ist noch offen. Innerhalb der Dämme ist fast nichts gestaltet. «Hier darf man von einer Naturlandschaft sprechen», meint Rita Illien. Dazwischen ist bloss eine Initialpflanzung vorgesehen.

«Was mich an diesem Projekt interessierte, war das Nebeneinander von Naturgewalt und Dorfalltag», sagt Martina Voser. «Einerseits wirken die unglaublichen Energien des Piz Cengalo, andererseits soll ein Kind unbeschwert über die Brücke gehen können.» Bei der Überarbeitung des prämierten Entwurfs geht es nun hauptsächlich um die Alltagstauglichkeit und die Einpassung ins Dorf. 

Honorarfragen

Die Wettbewerbsveranstalter stellten den Teams frei, ob Bauingenieure oder Landschaftsarchitekten den Lead übernehmen. «Dass die Führung auch bei den Landschaftsarchitekten – die sich gewohnt sind, integrierend zu arbeiten – liegen durfte, ist zukunftsweisend und hat mich sehr gefreut», sagt Rita Illien. Trotzdem hat sich das Team Strata dagegen entschieden. Die Federführung übernahmen die Ingenieure Conzett Bronzini – als ein in Graubünden tätiges Büro. Gearbeitet hat das interdisziplinäre Team aber sehr gleichberechtigt. Regelmässig trafen sich Landschaftsarchitektinnen und Ingenieure zu Workshops und diskutierten, wie sie die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenführen können. Das sorgte für neue Ansätze und Sichtweisen. Alle Teammitglieder betonen die Wichtigkeit des gegenseitigen Respekts: «Es brauchte viel Vertrauen, viel Zeit und anfangs eine grosse Offenheit aller Beteiligten», blickt Gianfranco Bronzini zurück. In dieser Offenheit sieht Rainer Zulauf die Chance, auch in zukünftigen Verfahren früh darüber nachzudenken, welche Disziplinen im Team wertvoll wären: «Von vielen Seiten beleuchtet – auch etwa aus Geschichte und Philosophie – und durch eine Überlagerung der Denkarten können wir bessere Landschaften gestalten.»

Gerade für die Landschaftsarchitekten, die als eine Art Vermittler über die Grenzen hinausschauen, sind solche Wettbewerbe jedoch meist nicht wirtschaftlich. «Oft schauen wir, dass sich ein Eingriff so unaufgeregt und entspannt wie möglich in die Landschaft einbettet», sagt Martina Voser. «Was konkret bedeutet, dass wir eher wegnehmen als hinzufügen. So sprechen wir uns selbst das Honorar ab», erklärt sie. «Wir sollten anders in den Auftrag involviert sein», meint auch Rita Illien, «zum Beispiel für geistige Arbeit bezahlt und nicht prozentual zur Bausumme, die bei solchen Projekten für die Landschaftsarchitekten meist verhältnismässig klein ausfällt.» 

Der Grund für die unbefriedigende Honorarsituation bei interdisziplinären Wettbewerben liegt aus Martina Vosers Sicht in einem veralteten Verständnis der Disziplinen: Der Ingenieur garantiere mit Zahlen und Berechnungen für die Sicherheit, und der Landschaftsarchitekt mache es noch hübsch – so das verbreitete Klischee. Doch bei integrativ bearbeiteten Projekten fange die Landschaftsgestaltung bereits beim Entscheid über die Strassenführung, die Lage der Brücken oder das Modellieren mit Mauern anstatt Dämmen an. «Die Schnittstellen können nicht mehr so klar definiert werden», so Voser. Es brauche deshalb neue Modelle und Formeln der Zusammenarbeit. «Ämter sollten sich trotzdem öfters getrauen, Projekte für Landschaftsveränderung und für Sicherheit als Wettbewerbe auszuschreiben», wünscht sich Voser, «denn sie erlauben, eine Debatte über Bild und Identität der Schweizer Landschaft zu führen.» 

Auszeichnungen

1. Rang / 1. Preis: «strata»
ARGE: Conzett Bronzini Partner, Chur; Caprez Ingenieure, Promontogno; Eichenberger Revital, Chur; mavo, Zürich; Conradin Clavuot, Chur, in Zusammenarbeit mit Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich

2. Rang / 2. Preis: «Insieme»
Team: Balliana Schubert Landschaftsarchitekten, Zürich; Synaxis, Zürich; Roggensinger Ingenieure, Volketswil; Staubli, Kurath & Partner, Zürich; Pool Architekten, Zürich

3. Rang / 3. Preis: «Incontro»
Team: Hager Partner, Zürich; Walt­Galmarini, Zürich; donatsch + partner, Landquart; Fromm + Partner, Landquart; Bearth & Deplazes Architekten, Chur

Weitere Teilnehmende

«Libarär»
Team: Ferrari Gartmann, Chur; Gartmann Schmed & Partner, Chur; Niederer + Pozzi Umwelt, Uznach; Nina von Albertini Umwelt Boden Bau, Paspels; Renato Maurizio Architekten, Maloja

«Bondo bello e sicuro»
Team: ACS-Partner, Zürich; Hunziker, Zarn & Partner, Aarau; Feddersen & Klostermann, Zürich

«Confluenze»
Team: AF Toscano, St. Moritz; Flussbau SAH, Bern; Officina del paesaggio Sophie Agata Ambroise, Lugano; Studio we architetti, Lugano

«Novibondo»
Team: Bänziger Partner, Chur; Bänziger Partner, Oberriet; Fischer Landschaftsarchitekten, Richterswil; Giubbini Architekten, Chur

«fjellfall»
Team: BPR Dr. Schäpertöns Consult, München; realgrün Landschafts­architekten, München; Florian Nagler Architekten, München

«Promenade»
Team: Ingegneri Pedrazzini Guidotti, Lugano; Luigi Tunesi ingegneria, Lugano Pregassona; Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, Zürich; Baserga Mozzetti Architetti, Muralto

Jury

Prof. Thomas Vogel, ETH Zürich; Prof. Dr. Robert Boes, ETH Zürich; Rainer Zulauf, Landschaftsarchitekt Baden; Paola Maranta, dipl. Architektin ETH BSA SIA, Basel; Andreas Hagmann, dipl Architekt ETH BSA SIA, Chur, Mitglied NHK Graubünden; Philippe Holzner, Kunstbauten Tiefbauamt Graubünden; Pietro Zucchetti, Strassenbau Tiefbauamt Graubünden, Anna Giacometti, Gemeindepräsidentin Bregaglia (Vorsitz); Mario Cavigelli, Regierungsrat; Fernando Giovanoli, Mitglied Gemeindevorstand Bregaglia; Remo Capadrutt, Mitglied Gemeindevorstand Bregaglia;Reto Knuchel, Kantons­ingenieur Tiefbauamt Graubünden

Weitere Pläne und Visualisierungen zum Wettbewerb finden sich auf competitions.espazium.ch

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