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11_2018

Hardturmpark

Hardturmpark

Die Zürcher stimmen am 25. November 2018 über ein neues Hardturm-Stadion ab. "Dabei übersehen sie das Potenzial, das es für die Weiterentwicklung ihrer Stadt bietet, wenn es richtig umgesetzt wird" meint Gerhard Mack in der NZZ am Sonntag vom 14.10.2018 und schlägt u.a. einen grossen Park zur Limmat hin.

Eine Fotografie vor dem Zürcher Rathaus symbolisiert die Situation in der Stadt: Da stehen sich Anhänger und Gegner des geplanten Zürcher Fussballstadions auf beiden Strassenseiten gegenüber. Unversöhnlich, durch die Tramschienen voneinander getrennt wie durch einen reissenden Fluss. Die Stadt ist in der Frage gespalten, der Riss geht quer durch die Parteien und sozialen Schichten. Jeweils etwa die Hälfte der Bevölkerung ist für oder gegen das Grossprojekt. Wie der Volksentscheid im November ausgeht, ist völlig offen, seit die SP sich gegen ihre Stadtpräsidentin gegen die geplante private Finan­zierung des Projekts ausspricht. Wieder einmal droht in Zürich ein grosses Bauvorhaben zu scheitern und der schier endlose Kampf um ein Fussballstadion in eine weitere Runde zu gehen.

Die Befürworter wollen endlich ein Stadion, das den Gegebenheiten des Fussballs entspricht: In ihm sind die Fans nahe am Spielfeld platziert, es hat entsprechend steile Ränge, die nicht durch eine Laufbahn vom Rasen getrennt sind, so wie man es von den klassischen englischen Stadien her kennt und wie es seit dem neuen St.Jakob-Stadion in Basel von 2002 auch bei den Schweizer Neubauten längst zum Standard geworden ist. Fussball zählt zur Identität von Zürich, der Sport muss sich feiern können, die beiden Klubs brauchen eine Heimat. Nur in einem dem Fussball gewidmeten Stadion wird dieser zum Ereignis, wie die Ereignisgesellschaft es einfordert, soll sich jemand für etwas begeistern. Das Letzigrund-Stadion ist für die Bedürfnisse der Leichtathletik ausgelegt und kann diejenigen des Fussballs nicht bestmöglich erfüllen.

Dem halten die Gegner eine ganze Palette von Einwänden entgegen: Den einen fehlen bei den beiden Klubs die sportlichen Voraussetzungen für eine solche Investition, und sie glauben nicht, dass ein neues Stadion sie in eine andere sportliche Umlaufbahn bringen könnte, die mit dem europäischen Klubfussball verbunden ist. Dann gibt es diejenigen, die aus lauter Liebe zu ihrem Zürich jede Veränderung mit Argusaugen beobachten und bekämpfen. Gegen jeden Turm laufen sie Sturm, als wäre die Veränderung der Stadtsilhouette ein Verbrechen und die Identität der Stadt nur als gebautes Museum, man könnte auch sagen Mausoleum, zu erhalten. Dass diese oft bürgerlichen Kreise sonst wirtschaftsliberal denken, hindert sie nicht am Protest gegen Bauvorhaben, wenn die eigene Aussicht betroffen ist. Und seit kurzer Zeit sind da noch diejenigen Kräfte der Zürcher SP, die glauben, ein solches Stadion liesse sich kostengünstiger ganz von der Stadt selbst bauen. Ihnen sind die beiden Türme mit Wohnungen im mittleren Preissegment ein Dorn im Auge, mit denen die Investoren CS und HRS das Stadion querfinanzieren wollen.

Man muss keiner der beiden Seiten angehören, um zu sehen, dass Kritik und Begehren nicht einfach Bekenntnisse zweier sturer Lager sind, die sich festgebissen haben. In ihnen spiegelt sich vielmehr die Ambivalenz des Projekts: Es beinhaltet Chance und Gefahr zugleich. Deutlich wird dies vor allem, wenn man den Blick auf den Entwurf lenkt, den die Architektengemeinschaft Pool Architekten, Caruso St. John und Boltshauser Architekten entwickelt haben, und seine urbanistische Qualität befragt. Auf einer Parzelle von 50 000 Quadratmetern sollen 173 Genossenschaftswohnungen, ein Fussballstadion für 18 000 Zuschauer und zwei Türme mit 570 Wohnungen und Gewerberäumen gebaut werden.

Die traurigste Ecke von Zürich

Die Schwierigkeiten beginnen mit der Lage. Gewiss, das neue Stadion soll an dem Ort entstehen, wo das alte eine lange Tradition gestiftet hat. Das Hardturm-Areal liegt aber auch in Zürich-West. Und dieses Quartier ist neben Oerlikon vielleicht die schwierigste und traurigste Ecke von Zürich. Der Stadtteil hat sich von einer zunächst grossen Hoffnung zum Paradebeispiel für eine unglückliche Quartierentwicklung gewandelt. Wo man ein Zürich des 21. Jahrhunderts hätte entwerfen können, reiht sich Volumen an Volumen. Maximale Ausnutzung, architektonische Einfallslosigkeit und autistische Beschränkung der Bauherren auf die jeweils eigene Parzelle bestimmen den Charakter. Dabei ist es ganz gleich, ob es sich um Hotels, Bürobauten, Wohnblöcke oder um die ­Zürcher Hochschule für Gestaltung handelt: Die Stadt hat es versäumt, hier Vorgaben zu erlassen, die das durchaus gewünschte Engagement privater Investoren zu einer Gesamtheit werden lassen. Aus den alten Industriearealen ist kein neues urbanes Zen­trum entstanden. Der öffentliche Raum ist nurmehr Verkehrs- und Restfläche. Dort geht man hin, wenn man etwas zu erledigen hat, und ist froh, wenn man wieder ins Tram steigen kann. Wer seinen Blues ausleben will, kann dort sonntags spazieren gehen.

St.Gallen zeigt die Gefahren

Das Hardturm-Areal ist in diese Situation eingebunden. Es schliesst eine Folge von Grossüberbauungen ab und wird von den Verkehrsachsen der Pfingstweid- , der Berner- und der Förrlibuckstrasse begrenzt. Die Gefahr liegt nun darin, dass auch das neue Projekt mit seinen drei Elementen Genossenschaftswohnungen, Stadionkörper und Wohntürme als weiteres Grossvorhaben an die bestehenden Volumen gereiht wird, ohne die Umgebung einzubeziehen.

Was dabei herauskommt, kann man am Stadion sehen, das 2008 im Westen von St. Gallen eröffnet wurde. Die Stadt stellte damals ebenfalls eine Restfläche zwischen Autobahn und Einfallstrasse zur Verfügung, hoch verkehrsbelastet wie in Zürich und kaum sinnvoll für etwas anderes zu gebrauchen. Das St.Galler Stadion ist bei Spielern und Besuchern sehr beliebt, städtebaulich ist es jedoch gescheitert. Der Bau sitzt wie ein Insekt in der Landschaft, das auf dem Rücken liegt und hilflos mit den Beinchen strampelt. Jede Anbindung an die Umgebung fehlt. Die Chance, dem ausfransenden Westen der Stadt ein Zentrum zu geben, wurde nicht genutzt.

So hat man mit dem Hauptmieter Ikea zwar einen Publikumsbringer gewonnen, die Shoppingmall-Atmosphäre, die die Läden im Stadion-Mantel bestimmt, macht den Bau aber zu einem Ort ohne Gesicht. Das Gefühl von Beliebigkeit bestimmt alles. Und nach aussen wurde das Stadion nicht als einla­dendes Stadttor gestaltet. Anreisende treffen auf eine grau-blaue Masse, die bestenfalls ankündigt, dass die Ostschweizer Metropole auch ein Hub für Ufos sein könnte.

In einer Vermeidung dieser Fehler, in der Umkehrung eines solchen Denkens liegt die Chance der neuen Stadion-Überbauung für Zürich: Sie könnte zum Ankerpunkt einer Weiterentwicklung des städtebaulich so problematischen Quartiers Zürich-West werden und diesem ein Zentrum geben. Und sie könnte ein urbanistisches Gelenkstück schaffen. Die Brache liegt zwischen der City, Altstetten und, auf der anderen Limmat-Seite, Höngg. Hier wäre es möglich, die diffuse Zwischenlage für eine neue Ausrichtung der Stadt zu nutzen. Ein attraktives Zentrum könnte die Innenstadt entlasten und ihr einen weiteren städtischen Fokus zur Seite stellen. Das wäre ein Schritt weg vom zentralistischen Blick auf die Grossmünster-Türme hin zu einer multifokalen Stadt, die sich als Dialog zwischen verschiedenen Gesprächspartnern entwickelt und auf diese Weise an Vielfalt und Anziehungskraft gewinnt.

Ungenutzte Möglichkeiten

Diese neue Mitte könnte dann sehr wohl auch durch Hochhäuser markiert werden. Diese wären dann nicht nur Investorenprojekte, die eine maximale Ausnutzung anstreben, sie erhielten eine urbanistische Funktion, indem sie den neuen Drehpunkt der Stadt weithin sichtbar machen. Nicht zuletzt würden sie der Diskussion über das künftige Wachstum Zürichs einen Impuls geben.

Damit das gelingt, sind zunächst einmal die Architekten mit einer Überarbeitung ihres Entwurfs gefordert. Wettbewerbsbeiträge sind zumeist Volumenstudien. Sie zeigen an, welche Masse die geplanten Bauten einnehmen und wie sie im Raum stehen könnten. Die konkrete Ausgestaltung erfolgt in aller Regel erst nach der Freigabe der Planung. Dann erst wird entwickelt, wie die Fassade aussehen soll, welche Materialien verwendet werden, wie der Aussenraum gestaltet wird und wie die genaue Verwendung aussieht. So erinnern die beiden Türme in den bisherigen Visualisierungen mit ihren vertikalen Steinelementen eher an Wolkenkratzer aus dem New York der zwanziger Jahre oder an deren Revival am Potsdamer Platz in Berlin. Das wirkt rückwärtsgewandt und bedient eher die nostalgische Sehnsucht nach Metropolenfeeling als die Bedürfnisse des Ortes. An dem sehen die Volumen nämlich so schematisch aus, wie man es von den Türmen gewohnt ist, die in x-beliebigen Hollywood-Streifen das Downtown-Gefühl amerikanischer Städte vermitteln sollen: gross, gesichtslos, verloren. Ohne erkennbaren Kontakt zur Umgebung und ohne ersichtlich zu machen, was in ihnen stattfindet.

Hier gibt es erkleckliches Potenzial. Zum einen was die Gestaltung und die Öffnung der Türme für eine allgemeine Nutzung in den unteren Geschossen anbelangt. Vor allem aber im Hinblick auf die Anbindung an die Umgebung. Das Hardturm-Areal hat sowohl die historischen Bernoulli-Häuser vis-à-vis wie auch die Sportanlagen des Hardturms. Unmittelbar gegenüber liegt ein Gewerbeareal, dann kommt die Limmat. Wieso hier nicht einen grossen Park anlegen, der vom Fussballstadion überleitet zu den Sportanlagen und zum Fluss? Ein solches Naherholungsgebiet könnte die neue Überbauung von ihrer Insellage erlösen und in den Stadtraum einbinden. Dieser würde mit dem Limmatufer eine besondere Qualität besitzen. Vielleicht wären sogar Badeanlagen möglich. Das würde für Leben sorgen, auch wenn keine Spiele stattfinden, also fast die ganze Woche über. Obendrein erhielten die Bewohner der Türme wie der Genossenschaftswohnungen einen öffentlichen Garten. Und es gäbe mehr Raum, in dem sich eine Stadion-Kultur einnisten kann, wie die Fans sie brauchen und die sich beim Letzigrund-Stadion über Jahre mühsam entwickelt haben.

Beim neuen Stadion-Projekt gilt wie überall der alte Grundsatz: Wer etwas will, muss auch etwas geben. Statt über Stadion Ja oder Nein zu streiten, sollte die Bevölkerung fordern, dass dieses Projekt die Entwicklung der Stadt voranbringt und allen eine neue Qualität bietet, egal, ob sie sich für Fussball interessieren oder nicht. Dann haben die Türme, das Stadion und die Genossenschaftswohnungen eine öffentliche Funktion, sie werden zur Sache aller. Und die sollten auch alle unterstützen.

Aus dem NZZ-E-Paper vom 14.10.2018

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